Angst, niemand zu sein

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Irgendwie musste ich immer jemand sein, irgendjemand. Eine Assoziation hervorrufen. Eine Botschaft tragen. Irgendeinen Sinn versprechen, nach meinem Namen gedanklich einen relativen Satzanschluss stehen sehen. Alice, die … ja, was eigentlich? Frage ich mich. Zurzeit so oft. Warum kann ich nicht einfach sein? Ich selbst sein? Eine kleine Stimme in meinem Kopf wispert: Wer bist du denn dann noch? Niemand. Und dann habe ich ganz einfach Angst, die Angst davor, niemand zu sein.

 

 

Ich war also immer Alice, die Verknüpfungen hervorruft. Alice, die Klassenbeste. Alice, die Streberin – Alice, die Reiterin – Alice, die immer alles organisiert. Alice, die sich über eine Zwei aufregt und sowieso immer viel zu perfektionistisch ist, Alice, die jeden in Grund und Boden reden kann. Alice, die Influencerin. Alice, die Bloggerin. Alice, Schulsiegerin Sek1 in Jugend debattiert, Alice, das Deutsch-Naturtalent und die Mathehasserin. Und: ja, es war mir beim Schreiben unsagbar unangenehm, meinen Namen so oft zu tippen. Wie komisch.

Denn mein Name ist doch eigentlich das, was mich beschreibt. Alice. Das bin ich eben, also wirklich: ich, ohne Relativsatz, ohne Assoziationen, Verknüpfungen, ohne irgendetwas zu sein. Außer mir selbst. Und das ist mir unangenehm, ich habe hier schon darüber geschrieben, wie oft und wie stark ich das Gefühl habe, nicht genug zu sein, wenn ich nur ich selbst bin, ohne etwas dafür getan zu haben, einfach SEIN zu dürfen. Ohne meine Anhängsel bin ich doch irgendwie nichts mehr, oder? Einfach niemand. Einfach: leer. Ich hasse diese Leere. Tue also alles dafür, dass sie nicht entsteht, schaue weg und mache weiter, damit, Dinge zu tun, die mich, wie ich denke, in den Augen anderer zu irgendjemandem machen. Vielleicht erinnern sie sich an mich.

 

 

Wenn ich innehalte, frage ich mich, was es eigentlich heißt, was es bedeutet, das Gefühl zu haben, anderen nicht genug zu sein, keinen Wert für die Welt bereitzuhalten. Gebrauchswertanalysen. Bin ich mir dann in irgendeiner Weise selbst genug? Mit Sicherheit nicht. Ich will irgendwer sein, will eine Identität haben, ich will irgendetwas können, was mich besonders macht. Besonders sein. Einzigartig. Ich unterliege schon immer dem Glauben, das könnte nur, wer dafür arbeitet. Ich tue eben nicht genug, also bin ich nicht genug, oder?

Die Welt sagt: falsch. Es gibt dich nur einmal, also bist du einzigartig. Weil du: du selbst bist. Und ganz egal, was du tust oder nicht – du bist es wert. Auch egal, was ES ist. Du bist es allen wert, und du kannst und darfst es dir selbst sein. Sei dir genug. Weil du es schon bist.

 

 

Wenn ich das höre, fühlt es sich irgendwie gut an. Und irgendwo: falsch. Billig. Eine schlechte Ausrede, gerade gut genug, um ein leises Gewissen zu befriedigen. Ich darf das doch nicht? Einfach aufhören, jemand zu sein, die zu sein, die immer etwas tut – irgendjemand sein zu wollen? Wollen. Ich weiß doch auch nicht, was ich will. Und versuche immer noch, meinen Platz in dieser Welt zu finden, aber wie kann das funktionieren, wenn ich keine Ahnung habe, welche Richtung ich einschlagen will?

 

 

Aber: ich weiß, was ich nicht will. Angst. Stress. Ruhelosigkeit. Ich will Sicherheit und Liebe und muss diese in mir selbst finden, ich muss lernen, mir selbst zu genügen. Klingt schwer. Selbstliebe. Kann man das überhaupt lernen? Vielleicht kann ich es versuchen. Irgendwo anfangen. Ich selbst sein, weil das reicht, weil relative Satzanschlüsse überflüssig sind, Ketten, von denen ich mich befreien kann. Ich bin nicht irgendwer. Ich bin ich selbst.

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