Dinge verändern sich

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Es ist wieder Sommer. Warm, manchmal zu heiß, die Sonne scheint, im Schatten ist es angenehm. Ich laufe ein bisschen herum, durch die Gegend, in der ich wohne, gehe durch eine Allee, einen Weg hinunter, komme irgendwann an meiner alten Grundschule vorbei. Will weitergehen. Und bleibe doch stehen. Nur kurz einen Blick hineinwerfen, auf den Pausenhof, das Schulgebäude, so vertraut, von vier Jahren altbekannt, und doch – so fremd, jetzt, irgendwie. Fast alles hat sich verändert. Unser Klettergerüst ist weg, der Fußballplatz viel kleiner, die Tore nicht mehr zwischen Bäumen gespannt, sondern klein und aus Aluminium, das in der Sonne glänzt, das Baumstamm-Mikado ist auch weg. Ich erinnere mich, dass die Diskussionen schon in meiner Grundschulzeit angefangen haben: zu gefährlich, Verletzungsgefahr, weg damit. Dem Klettergerüst scheint es ähnlich ergangen zu sein. Vor meinem inneren Auge tauchen Bilder auf, ich, wir, meine Freunde, wie wir herumgerannt sind, uns Kopfüber von Haltestangen gehängt haben, geturnt haben, Handstand und Rad auf dem Steinpflaster, Waveboard gefahren sind, in einem langen Seil gesprungen. So lange her, mittlerweile wieder mehr als vier Jahre, aber doch so nah. Ich blinzele. Vor mir wieder der neue Pausenhof, die „sichere“ Variante. Schüttele dann den Kopf, bin froh, dass meine Grundschulzeit ein Stück zurückliegt. Etwas hat sich verändert, wie es scheint, zum Schlechten.

Bodensee, Überlingen, Mittwoch bis Freitag, ganz genau wie letztes Jahr. Etwas später, weil die Pfingstferien so komisch liegen, aber egal. Die gleichen Orte, die gleichen Wege, der Ausblick ist vertraut, statt meines Laptops liegt auf meinen Knien ein iPad, sonst ist alles geblieben. Und doch. Etwas Elementares fehlt, wurde zumindest ausgetauscht, ich weiß nicht, was. Das Gefühl ist ganz einfach ein anderes.

Einige Tage später scrolle ich durch mein Instagram-Archiv, alte Storys, wie ich bemerke, nun genau ein Jahr alt. Denke zurück. Was war vor einem Jahr anders? Die Serie, für die ich damals gebrannt habe, liebe ich jetzt „nur“ noch, in Deutsch haben wir keinen Podcast geschrieben, sondern eine antithetische Erörterung, die Fotos, die ich auf Instagram poste, haben sich genauso verändert wie meine Blogbeiträge, zwischen Pfingst- und Sommerferien liegen fünf Wochen und nicht acht, vor uns liegt noch das große Latinum, weil wir das kleine im letzten Jahr bestanden haben. Aber: es ist wieder Sommer. Die Sonne geht genauso früh auf und spät unter und scheint dazwischen orange oder ganz hell, der Poetry Slam, auf dem ich auftreten werde, findet am selben Tag statt. Die Situation ist überraschend ähnlich. Und doch hat sich alles verändert.

 

 

Heraklit war wohl der erste, der feststellte, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann und trotzdem meinte, dass die einzige Konstante im Universum der Wandel ist. Weil nichts bleibt. Wäre Veränderung keine Identität, so wären wir niemand oder aber jeden Tag jemand anderes. Die Welt um uns herum ist in einer Sekunde nie dieselbe wie in der vorigen. Alles fließt. Wie der Fluss des Heraklit. Als Mensch, der in dieser Welt lebt, sollte man, sollte ich diesen Fluss gewohnt sein. Vielleicht bin ich das ja, vielleicht ist das, was wir als Veränderung wahrnehmen, der Kontrast. Erst durch Kontrast realisiert man: wie fremd einem manche Dinge geworden sind.

Wenig Wandel in wenig Zeit über eine lange Zeitspanne ist wieder ganz viel Wandel, viel Veränderung. Das sieht man, ganz sicher, aber es fühlt sich eben falsch an, wie eine ganz neue Identität, weil man den Prozess nicht kennt, nicht erlebt hat, und er deshalb nicht in diese neue Identität, diesen fremden Charakter, hineinspielt. Was auch immer das betrachtete Objekt dann ist – ein Ort, eine Person, eine Tätigkeit – für den Betrachter, für mich, hat es sich plötzlich verändert. Ist neu. Will noch erforscht werden. Aber vielleicht fühlt sich das zu fremd an. Dann verliere ich den Bezug. Ich mag keine Veränderungen.

Und deshalb ist mein Sommer dieses Jahr so anders. Ein Jahr lang konnte sich alles wandeln. Dann, plötzlich, kehrte diese so vertraute Situation zurück. Natürlich fühlt sich das fremd an. Was sich verändert hat, bin ich.

 

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