staying alive is boring // gegen die Leere ankämpfen

Stille, als ich von meinem Fahrrad absteige, langsam bis zur Haustür gehe und sie aufschließe. Das leise Klappern meines Schlüssels, als er sich im Schloss umdreht, weit entfernt rasen Autos über Asphalt, irgendwo singt eine Frauenstimme. Ich laufe die Treppen hoch, Stufe für Stufe, betrete schließlich unsere Wohnung, wo ich von einem müde rutenwedelnden Hund begrüßt werde. Ansonsten ist niemand da. Stille. Stille, wo vor weniger als zwanzig Minuten die lauten Stimmen meiner Klassenkameraden waren, wo unsere Lehrer Zeugnisse und Jahrbücher verteilten, Stille, wo vorher Leben war. Ich setze mich an den Laptop und beginne, zu tippen, festzuhalten, Worte auf digitales Papier zu bringen. Ein einzelner Versuch, die Leere aus mir herauszuschreiben.

 

 

Holiday Blues. Es ist ganz einfach nichts mehr zu tun, mich beschäftigt nichts mehr. Das Schuljahr ist vorbei, ein weiteres Zeugnis, nichts zu verändern. Es ist wie im letzten Jahr – die Zwei in Mathe eliminiere ich sowieso nicht. Die letzte Schulwoche war schön. Filme schauen, Werwolf Vollmondnacht spielen, einfach all das, für das ich gerne in die Schule gehe, für das ich sogar freiwillig gehen würde. Davor – Stress. Latinum, Französisch mündlich, letzte Unterrichtsbeitragsnoten, lernen und schlechtes Gewissen haben, wenn man einfach Serien schaut. Jetzt ist es anders. Abends spät ins Bett und morgens spät raus, die Freunde sind weggefahren, ich selbst bin bald im Urlaub. Nichts mehr wirklich zu tun.

 

 

Ich blättere durchs Jahrbuch, beschließe, meine Büchertasche auszuräumen, die Schubladen mit Schulzeug dazu auch. Nächstes Jahr will ich Ordner führen, das muss vorbereitet werden. Okay, mach ich später. Lieber nachdenken. Nächstes Jahr: Neue Lehrer, neue Fächer, Mathe wird noch schwerer, Latein fortgeschritten und dann das große Latinum, altgriechisch. Was die neunte Klasse mit sich bringen wird, weiß ich noch nicht, aber es wird bestimmt schlimmer als die achte. Also los, Schwarzmalerei. Früher war es doch besser. Ich werde erwachsener und alles verändert sich wieder, und dann wieder. Konstant ist nur der Wandel. Aber es tut weh, und ich klammere mich einfach daran, halte mich fest an diesem Gefühl, an der Illusion von Sinn, das war doch schön, bequem, so einfach. Schüttele dann den Kopf und kann kaum mehr aufhören, so viel zieht mir durch den Verstand, als ich das letzte Schuljahr ein weiteres Mal Revue passieren lasse.

 

 

Die Serie, aus der der Titel dieses Posts stammt – BBC’s Sherlock – gefällt mir vielleicht gerade deshalb, weil sie so tief geht. Dieses Problem diskutiert, bespricht, behandelt. So viele unglaublich intelligente Menschen, ihre Schwäche ist ihnen gleich: Die Langeweile. Das Gefühl der Leere, dass alles Tun so sinnlos ist, und sie begreifen es so schnell. Der Nachteil eines so schnellen Verstandes. Und wie kompensieren sie es? Der eine löst Fälle oder nimmt Drogen, der andere versucht Macht und Kontrolle über andere und sein eigenes Leben auszuüben, die dritte manipuliert Menschen, und einen Organisator beziehungsweise Koordinator von Verbrechen auf Anfrage haben wir auch noch. Der sich letzten Endes umbringt. Staying alive is so boring. It’s just … staying.

 

 

Ich selbst flüchte mich in andere Tätigkeiten, Reiten, Bloggen, Serien schauen. Habe ja zu tun. Aber dahinter ist nichts mehr. Und manchmal gibt mir dieses Tun an sich ein schlechtes Gefühl, weil ja doch nichts läuft. Hier, auf dem Blog, auch auf Instagram, ganz einfach kaum Resonanz. Nichts wächst mehr, die Followerzahlen stehen, die Reichweite schwindet eher. staying. Das ist so ermüdend. Manchmal auch beim Reiten, es gibt schließlich immer Tage, an denen nichts klappt, einfach nichts funktioniert. Dann fängt man an, zu grübeln. Mal richtig nachzudenken. So wie ich, hier, jetzt.

 

 

Letztendlich gibt es keinen Ausweg aus dem eigenen Leben. Und auch, wenn sich sowieso alles sinnlos anfühlt, gibt es schöne Momente. Es tut weh, diese Sinnlosigkeit, diese Leere zu erkennen, und wenn sie schon Verzweiflung hervorruft, dann sind da vielleicht auch Chancen. Einfach mal machen, Momente nutzen. Kann ja auch schön sein.

Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt. Ich drück euch  ♥

2 Kommentare bei „staying alive is boring // gegen die Leere ankämpfen“

  1. Eines kann ich sagen – du bist für dein Alter erschreckend erwachsen. Als ich so alt war wie du (Ich alte Frau darf das sagen), habe ich mir im all sowas gar keine Gedanken gemacht und siehe da: ich lebe immer noch 😀
    Vielleicht hilft es dir, nicht alles so verkrampft zu sehen, auch mal loszulassen, und Dinge einfach Dinge sein zu lassen, ohne alles zu hinterfragen. Entspann dich, im Hier und Jetzt, ohne an Gestern, Morgen, und What If’s zu denken. Ich drück dich auch 🙂

    1. Ach, Steffy, erzähl mir mal was von dir und alt 😉
      Hm – das frage ich mich manchmal auch, vielleicht sollte ich einfach mehr leben und weniger nachdenken. Wenn’s nur so einfach wäre.

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