Ich war hier

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Der Wunsch nach Geltung. Das Verlangen, irgendetwas zu hinterlassen, einen Beweis, dass man etwas getan hat, etwas bewirkt hat, Menschen bewegt, Schicksale verändert. Dass man existiert hat. Hier war. Dass die Welt auf ein wirkliches Vermächtnis eines einzelnen zurückblicken kann, irgendetwas davon hat, dass man einst gelebt hat, irgendwo, irgendwie. Vielleicht ist das wieder der Wunsch nach Sinn – wenn ich diesen subjektiv nicht finden kann, dann will ich ihn einem anderen schenken, weil das wieder Sinn für mich versprechen kann. Oder so. Und vielleicht ist es ganz einfach die Angst: vor dem Vergessenwerden.

   

Ich war schon immer so ein Mensch, krampfhaft auf Sinnsuche, suchend nach dem Zweck, nach dem höheren oder tieferen Sinn, der alles, was ich tue, rechtfertigt, alle Schmerzen relativiert, weil ich das, was ich tue, eben für etwas Größeres tue. Nur – dass ich keine Ahnung habe, was das ist. Was das sein sollte oder könnte. Und langsam beginne ich, zu glauben, dass es sowas wie einen höheren Sinn des Lebens eines einzelnen nicht gibt. Ganz einfach. Ganz einfach?

 

 

Letztendlich vergehen wir doch alle. Der Mensch mit seiner Kultur und seiner Entwicklung über tausende Jahre hinweg sind ein winziger Wimpernschlag in der Geschichte dieses Universums, dieser Realität, zumindest unserer Wahrnehmung davon, also: hat irgendeine Tat eines Menschen Bedeutung, kann ein einzelnes Leben etwas verändern; wenn es einen Sinn gibt, der über dem Individuum liegt, können wir überhaupt Nutzen daraus ziehen? Mit so wenig Macht, so kurzer Lebensdauer, so einen kleinen Einschlagskraft? Wohl nicht.

 

 

Aber vielleicht reicht es ja, in unserer Welt etwas bewegen zu können. Nicht vergessen zu werden. Für ein paar Generationen, vielleicht gleich bis ans Ende der Menschheit, vielleicht reicht das Gefühl, dass die eigene Existenz wichtig ist im Leben anderer. Ich wollte schon immer Menschen bewegen. Poetry Slam. Das Schreiben. Mein Blog. Fotografie. Irgendetwas erzählen, Worte auf Papier, auf einer Tastatur, gelettert oder handgeschrieben, Geschichten in Bildern, in Fotos mit dunklen Filtern und bunten Farben. Dinge, die bleiben, die ich der Welt hinterlassen will. Wollte bemerkbar sein, jemand, den man sieht, zu dem man aufblickt, ein Vorbild. Wichtig. Irgendwie. Für irgendjemanden. Einzigartig, unersetzlich.

 

 

Manchmal führe ich ein Leben, dass nur für andere steht, nicht für mich, weil – warum auch? Bringt nichts. Keine Motivation. Für mich muss ich nichts tun. Weil es keinen Sinn hat. Aber wenn ich meine Realität, meine Kraft und meinen Willen dafür nutzen kann, dass es jemand anderem besser geht, dass ihm sein Sinn nicht abhandenkommt, dann habe ich zumindest etwas getan, etwas hinterlassen. Etwas bewirkt. Vielleicht für zehn Minuten. Vielleicht für Jahre. Oder ein ganzes Leben. Ist das nicht so viel mehr wert als die Gewissheit, dass der eigene Name stets unvergessen bleiben und Generationen überdauern wird? Ich glaube – nur ganz langsam: schon.

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