Ich will niemanden enttäuschen

Acht Wochen zwischen Weihnachts- und Winterferien. Eine Hungerstrecke, schlecht liegende Feiertage dieses Jahr sind es, die entweder die Energie des Jahreswechsels ausnutzen oder aber uns in dem Glauben bestärken wollen, das neue Jahr wird ganz besonders besch*ssen werden. Tests, Extemporalen, Schulaufgaben, dazu der Bundeswettbewerb Fremdsprachen, dessen Klausurtermin auf denselben Tag gesetzt wurde wie unsere Schulrunde Jugend debattiert. Meine Bewerbung für das Frühstudium, das ich diesen Frühling aufnehmen will, habe ich schon abgegeben, sitze jetzt wieder an der Vorbereitung für Prüfungen, mit dem Gefühl, alle und jeder würden von mir erwarten, gut zu sein. Und ich: lasse mir selbst, ganz allein mir selbst, nichts Geringeres durchgehen als absolute Perfektion. Die Beste zu sein. Alles andere, alles passable, ist wertlos, selbstverständlich, nichts, worauf ich stolz zu sein habe. Ich will doch niemanden enttäuschen. Am allerwenigsten mich selbst.

  

  

Manchmal ist es nicht einfach, nach jeder Schulaufgabe Sätze zu hören wie „ich hab zwei Punkte mehr als Alice, krass!“ – es würde auch beim zwanzigsten Mal nichts bringen, zu entgegnen, ich wäre in Mathe sowieso nicht so gut. Das ist im Übrigen eine Aussage, die Wahrheitsgehalt bezüglich meines eigenen Gefühls hat, ich mag Zahlen eben einfach nicht, das ich nichts für mich. Die Antwort kenne ich auswendig. „ja genau, weil du letztes Jahr eine Zwei im Jahreszeugnis stehen hattest!“ – nein. Nicht deswegen. Über wirkliches Können sagen Noten doch letztendlich nichts aus.

  

  

Weiterhin überlege ich – wenn andere Leute, wenn meine Klassenkameraden einen Vergleich zu mir ziehen und sich freuen, es als Errungenschaft ansehen, mich übertrumpfen zu können – wie hoch habe ich meine Standarte in den letzten Jahren gesetzt? Da ist dieses Image der Klassenbesten, das ich wohl nie wieder loswerde, das ich aber auch akzeptiert habe. Ist dann eben so. Ich habe mich in der Schule nie angestrengt, um meine Freunde zu beeindrucken oder meine Eltern zufriedenzustellen, ich habe das immer nur für mich selbst getan. Weil mir eine Zwei, eine „gute“ Note, eben nicht gut genug ist, weil auch ein „Sehr gut“ manchmal nicht ausreicht. Wenn man sich selbst am besten kennt, müsste man erahnen können, welche Anforderungen zu erfüllen sind, um auch einmal stolz und selbstzufrieden zu sein. Ich denke nicht, dass ich mir jemals genug sein werde. Genug, das ist gleichbedeutend mit perfekt, wenn ich mich betrachte.

  

  

Aber ich bin nicht perfekt, kann es überhaupt nicht sein, niemand kann das, denn Perfektion, Vollkommenheit, das hieße, alles zu können. Überall unangefochten am besten zu sein. Unmöglich. Analytisch und ganz rational gesehen weiß ich das, kann es aber nicht akzeptieren, vergleiche mich dann. Nach oben. Mit denen, zu denen alle aufblicken, deren Namen jeder kennt oder zumindest sehr viele, Menschen also, die meiner Definition nach einen Gebrauchswert besitzen, irgendjemanden oder irgendetwas weiterbringen. Polarisieren. Nicht nur existieren. Ich will kein Leben führen, dass irgendwann begonnen hat und später wieder endet und dazwischen keinen Sinn verspricht.

  

  

Deshalb erwarte ich. Habe Erwartungen an mich, manchmal hoch, zu hoch, manchmal schon zu Routine geworden, einem Standard eben, das sollte doch normal sein, ist doch selbstverständlich. Für mich. Und auch, wenn es das, von außen betrachtet, nicht ist. Ich habe Erwartungen, und wenn diese nicht erfüllt werden: leide ich. Weil Leid von Begehren kommt. Es existiert, weil wir erwarten, und Nichterfüllung tut weh. Aber sie gehört dazu. Ich will meinen Weg finden, diesen Schmerz zu lindern, ich könnte weniger Ansprüche an mich stellen. Vielleicht sollte ich das lernen. Aber –

ich will doch niemanden enttäuschen. Und am allerwenigsten mich selbst.

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