Von Kontrollverlust und zerstückelter Ordnung

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Kontrolle. Wenn es alleine steht, ein durchaus mächtiges Wort, das so viel bedeuten kann. Unterschiedliche Assoziationen. Überwachung. Fremdbestimmung. Überprüfung. Oder aber: die Sucht, alles bestimmen zu können, alles festzuhalten, die Illusion, sein Leben selbst führen zu können. Und die Angst, alles zu verlieren. Spüre ich tagtäglich, ich – weiß doch nicht, was mir dann noch bleibt. Ich darf diese Kontrolle nicht aufgeben.

 

 

Ich bin es gewohnt, dass alles so ist, wie es eben ist. Und ich will, dass alles so bleibt, generell versuche ich, selbst dafür zu sorgen, dafür muss ich den Überblick behalten. Ich plane. Sozusagen immer und alles im Voraus, schreibe und tippe und erledige möglichst schnell viel zu viel, um bloß nie in Verlegenheit zu kommen, um nichts zu verpassen, damit allein die Möglichkeit, mit irgendetwas hinterherzuhinken, verschwindet. Das könnte mich schließlich in kompliziertere Situationen bringen, es gilt, dies zu vermeiden.

 

 

Aber: das Leben macht mir so oft einen neuen Strich durch meine sorgfältig kalkulierte Rechnung, durch Pläne und Skizzen, die ich von meiner Zukunft zeichne. Alles verändert sich, nichts bleibt wirklich, wie es ist, Gefühle kommen und gehen und sind später wieder da, um dann das Image von alten Bekannten mit neuem Parfum innezuhaben, Momente vergehen, Menschen erscheinen und verschwinden wieder von der Leinwand des Lebens. Veränderung. Macht mir Angst, ich kann irgendwie nicht damit umgehen, konnte ich noch nie. Hinterfrage ihren Sinn, will meine Möglichkeit, weiterzukommen, gar nicht sehen, sondern nur alles, was ich verliere, schlage die zwei Türen, die sich für eine geschlossene öffnen, eigenhändig wieder zu, klammere mich an Gedankenschnipsel und Wortfetzen aus Zeiten, die längst keinen Bestand mehr haben, schiebe sie an ihre Plätze zurück, versuche doch nur, zu ordnen, was mir noch bleibt. Ordnung bewahren. Zerstückelte Ordnung.

 

 

Dann versuche ich, die Kontrolle wiederzuerlangen, diese trügerische Illusion von Kontrolle, davon, überhaupt etwas in der Hand zu halten, überhaupt den Schraubenzieher zu besitzen, der die Zahnräder der Zeit verstellen kann, vor, zurück, oder anhalten. Ich will keine Protagonistin sein. Nicht die Hauptfigur meines eigenen Lebens. Ich will Bühnenbildnerin sein und meine Geschichte nicht nur erzählen, sondern sie erschaffen, schreiben, erfinden. Den Weg ebnen, den ich früher oder später sowieso gehen muss.

 

 

Angst vor der Zukunft. Nicht vorhandene Flexibilität. Kein Anpassungsvermögen. Das tut weh, so sehr, und ich halte trotzdem daran fest, ich bin diesem Irrglauben verfallen, irgendetwas bewirken zu können. Nein. Aber: wenn ich es erkenne, kann ich es dann ändern? Kann ich im Fluss des Lebens fließen, mit der Zeit ticken, im Hier und Jetzt leben, nicht gestern, nicht morgen? Kann ich leben, ohne zu erwarten? Kann ich die Kontrolle aufgeben? Kann ich mich ändern? Und: will ich das überhaupt? Denn, wenn ich nichts kontrollieren kann, kann ich auch nichts bestimmen, nichts entscheiden. Dann müssen die Veränderungen einfach so passieren. Wird das Leben mich also irgendwann verändern? Irgendwie hoffe ich darauf. Um diese ständige Angst vor dem Ungewissen vertrauensvoll in den Wind streuen zu können.

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