Ich fühl’ mich eingegrenzt // ein wenig Kritik am deutschen Schulsystem

Donnerstagmorgen, kurz vor sechs Uhr. Ich sitze an meinem Schreibtisch, lose eine Fleecedecke über die Schultern geworfen, weil es kalt ist, so früh, daneben brennt eine kleine Leuchte in warmem Licht, wirft harte Schatten in mein Zimmer. Sonst ist es still. Vor mir liegt kariertes Papier, kleinteilig beschrieben mit Formeln, Gleichungen, Graphen. Ich seufze. Schüttele dann den Kopf und versuche, mich wieder auf Mathematik zu konzentrieren, gehe alles wieder und wieder durch und werde dieses beunruhigende Gefühl trotzdem nicht los. Matheschulaufgabe in der ersten Stunde.

 

 

Wir sitzen nach dem Abendessen noch zusammen, wie wir es so oft tun, längst hat die Diskussion von der Frage nach dem Film, den wir noch schauen wollen, abgelassen, sich gewandelt zu etwas brisanterem, das uns die Stimmen erheben lässt. Wir überlegen, wie sinnvoll die Bildungsstrategie ist, der wir Tag für Tag in der Schule unterworfen sind, müssen keinen Kompromiss schließen, weil wir uns immer einig waren darüber. Eine Metapher kommt auf.

Schule hier, das ist, als würdest du einen Fisch danach beurteilen, wie gut er auf einen Baum klettern kann. Er wird sein ganzes Leben lang denken, er sei dumm.

 

 

Ich habe zugestimmt. Innerlich fühlt sich das ganz genauso an, aktuell irgendwie, als würde man mich (ich spreche hier von mir im Sinne von uns Schülern, wer diesen Text so sieht wie ich, soll sich einbezogen fühlen, bitte) überschütten mit allem möglichen, so viel und davon viel zu viel unnötig. Allgemeinbildung, so nennen sie es – und, ja, mir ist klar, ich gehe auf das Gymnasium und schließe mit dem Abitur eine allgemeine Hochschulreife ab. Trotzdem. Gerade deshalb. Sollte es dann nicht so sein, dass ich mich gut dabei fühle, von unserem Schulsystem auf das spätere Leben vorbereitet zu werden, das Gefühl zu haben, dass das, was ich lerne, wichtig und nützlich ist? Aktuell ist dem nicht so. Und noch schlimmer: anscheinend lernt man nicht alles, was man irgendwann zwangsläufig braucht. Steuern, Geldgeschäfte, Versicherung, Aktien, diese Themen werden nur grob angerissen. Wenn überhaupt.

 

 

Ganz rational betrachtet stellt sich mir die Frage: Warum stecke ich, zumindest bis zur Oberstufe, in so festgefahrenen Kursen? Warum Musik lernen, wenn ich nicht mal ein Instrument spiele, weshalb Informatik oder Physik, wenn ich beides sowieso hasse und nicht im Traum daran denken würde, mich in derartigen Themenbereichen zu spezialisieren? Klar. Allgemeinwissen. Nur – das wäre im Fall von Musik mit der Grundschule abgedeckt. Den Stoff in letztgenannten Fächern könnte man auf das Wesentliche herunterkürzen, halb so viel wäre das, höchstens. Aber gerade in den Naturwissenschaften geht es noch um das Verstehen von Sachinhalten, von Zusammenhängen. Wie steht es dann noch um Fächer wie Geschichte oder Geographie? Grundwissen. Grobe zeitliche Einordnungen, wichtige Ereignisse, etwas Kenntnis von der Welt mit ihren Ländern und deren Kultur. Vollkommen verständlich. Warum jedoch muss ich die einzelnen Schlachten mehrerer Kriege exakt auswendig kennen? Genau erklären können, weshalb Avocadoproduktion die mexikanische Wirtschaft oder Bananenplantagen den Regenwald zerstören? Dass ich mich bald wieder hinsetzen und das Grundwissen aus drei Jahren Geschichte neu lernen muss, beweist doch, wie wenig Sinn das hat. Bulimie-Lernen, den Stoff mit Gewalt in den Kopf pressen und für den nächsten Test herauszugeben, eine Woche später ist alles vergessen. Ich spreche aus Erfahrung. Es ist einfach so in diesem Schulsystem.

 

 

Sieht denn niemand, wie falsch das läuft, wie wenig Sinn dieses Konzept ergibt? Oder will es niemand sehen? Egal, wie laut ich rufe, am Ende stellt man sich hinter das Schulsystem. Und ich werde hineingezogen, Alternativen: gibt es keine. Füge mich. Und breche fast zusammen unter dem Druck, den ich mir selbst auferlege, beeinflusst durch ständige Tests, durch Prüfungen, die längst nur der Noten wegen geschrieben werden, die längst den Sinn der Lernzielkontrolle verfehlt haben. Ich bin ehrgeizig und perfektionistisch. Und sehe überall diesen Leistungsdruck.

Ich fühle mich ganz einfach eingegrenzt davon. Spüre, wie mir Tag für Tag, Test für Test, Schuljahr für Schuljahr etwas Freiheit durch die Finger rinnt, die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Die Freiheit, einfach mal leben zu können – psychisch frei zu sein. Meine Gedanken: sind zurzeit nie im Jetzt, aber immer bei der nächsten Schulaufgabe, bei den Hausaufgaben, die ich noch erledigen muss, beim neuen Thema in Mathe, das ich hoffentlich komplett verstanden habe. Das engt ein. So sehr.

 

 

Ich fühle mich also eingegrenzt, aber irgendwie auch verloren, aber eingegrenzt, das heißt doch auch: festgehalten. Festgehalten in einem System, dass meine Zeit in Anspruch nimmt und sich selbst fest einkalkuliert in meiner persönlichen Sinnsuche. So stressig, nervig, langweilig, wie Schule eben manchmal ist, so sehr brauche ich sie. Um Leerlauf zu überbrücken. Ich bin abhängig geworden über die Jahre, von diesem Druck, und wenn da plötzlich nichts mehr ist für sechs Wochen Sommerferien, fühlt sich das komisch an. Falsch, irgendwie. Ich kann diese Freiheitsinseln kaum mehr genießen. Egal wann, egal wo – ich fühl‘ mich eingegrenzt. Von unserem Schulsystem.

Das musste raus, auch, wenn es keinen wirklichen roten Faden verfolgt. Danke für’s Mitlesen. Lasst mir gerne eure persönliche Meinung da, ich weiß, dass sicher der ein oder andere von euch kontrovers denkt, also bitte – nur her damit.

2 Kommentare bei „Ich fühl’ mich eingegrenzt // ein wenig Kritik am deutschen Schulsystem“

  1. Ich sehe das sehr ähnlich. In den Sommerferien suche ich mir immer Arbeit, weil ich mich sonst so nutzlos fühle. Ich glaube das wir es generell nicht mehr gewohnt sind Langweile zu haben (ich meine nicht sich zu langweilen, sondern dem Kopf Zeit zu geben sich zu erholen)
    Man hört, vor allem wenn man sich politisch engagiert, oft das Problem Bolemie-Lernen, welches du auch ansprichst, jedoch wird es meistens überhört. Alleine das 1 Millionen Schüler in Deutschland vergessen wurden und das somit ein Lehrer-Mangel herscht zeigt wie wichtig das Thema Bildung in der Politik ist.
    Toller Beitrag und sehr inspirierend…
    Lerne jetzt weiter Mathe….

    1. Schön, dass er dir gefällt. Bildung ist und bleibt einfach ein aktuelles und nie zu Ende diskutiertes Thema, weshalb bei mir auch schon die nächsten Beiträge dazu in Planung sind.

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