VIBES // dieses Gefühl

Weihnachtszeit. Advent. Die schönste Zeit des Jahres, sagen sie, und ich: stimme zu. Weil Weihnachten so unglaublich spürbar ist, weil etwas in der Luft liegt, nein, nicht nur der warme Glanz von Lichterketten an Schaufenstern, von Kerzen auf dem Adventskranz, nicht nur der Duft nach Plätzchen, Lebkuchengewürz und Mandarinen. Da ist etwas, das tiefer geht, dieses Gefühl, das einen ganz im Inneren erfasst, wenn zum ersten Mal im Jahr Last Christmas im Radio erklingt. Eine warme Umarmung voll Liebe, die zärtlich flüstert: Alles ist gut. Ich bin hier.

 

 

Feiertag, es ist Mittwoch, mitten in der Woche, eine Pause vom Alltag.Ich sitze in der Straßenbahn, Weihnachtsmusik in meinen Ohren, all die wunderschönen Lieder, die ich jetzt nicht oft genug hören kann. Laufe durch die Kälte Treppenstufen hinauf, stehe schließlich vor einer Tür, klingele. Drinnen ist es warm, wir sind allein, naschen Lebkuchen und Clementinen und haben die Küche für uns. Eine Stunde später klingt erst Wonderful Dream und dann KPop aus unseren Handys, das erste Blech Butterplätzchen wird in den Ofen geschoben, Seite an Seite stechen wir Formen aus dem Teig –Herzen, Sterne, Tannen – dann tanze ich durchs Wohnzimmer. Es wird Nachmittag, Abend, und wir schauen noch einen Film, bis es Zeit wird, sich zu verabschieden: draußen ist Winter, kaltdunkel, und doch gehe ich mit einem Lächeln aus der Tür, frische Plätzchen im Rucksack und Weihnachtswärme im Herzen.

 

 

Morgens. Wochentags. Es ist früh, draußen wird es noch lange dunkel sein, ich sitze drinnen. Um meine Schultern geschlungen eine Decke, weil mir kalt ist, im Hintergrund Heizungsrauschen. Vor mir leuchtet meine Schreibtischlampe, warm und gemütlich, als einzige Lichtquelle wirft sie harte Schatten in den Raum. Ich selbst studiere meine Notizen für den Schultag, lege den Ordner dann weg und nehme mein Handy zur Hand, klicke mich durch Instagram, bis meine Eltern aufstehen, wir dann zusammen am Stehtisch in der Küche Kaffee trinken. Momente, die mich mental vorbereiten auf den Alltag.

 

 

Sonntagabend, ich bin im Stall, wir haben für unsere Weihnachtsfeier trainiert. Sattele ab, nehme die Trense herunter, Gamaschen ab, Hufe auskratzen. Alles läuft automatisch und ich überlege, denke zurück an vergangene Jahre und die Feiern, die wir hier hatten. Wie oft ich dabei war. Und wie wundervoll es sich immer angefühlt hat, Teil eines Ganzen zu sein, wie schön es auch war, nach unserem Programm dann ins warme Reiterstübchen einzukehren und Weihnachtsknabbereien von diversen Tellern zu naschen, den Abend mit einer warmen Kartoffelsuppe ausklingen zu lassen. Erinnere mich, wie lange das schon her ist. Und wie schnell die Zeit gerannt ist. Wenn wir am Wochenende nach Nikolaus unsere Aufführung haben, dann ist auch bald Weihnachten, dann Silvester, und 2018 zieht weiter. In unerreichbare Ferne.

 

 

Im Morgennebel vom Fahrrad steigen, es ist feuchtkalt, ich krame Kopfhörer aus meiner Jackentasche, ziehe die Handschuhe wieder über, fröstele. Um mich herum werden Straßenlichter diffus von den feinen Tröpfchen in der Luft reflektiert, ein geisterhafter Schein, während ich die Treppen hochsteige und endlich die ersten feierlich-wärmenden Töne von Weihnachtsmusik erklingen. Eine kleine Auszeit für mich in diesen zehn Minuten Weg über die Brücke und die Straße hoch bis zu meiner Schule. Es fühlt sich gut an.

 

 

Samstagabend, das erste Mal Weihnachtsmarkt dieses Jahr. Taghelle Beleuchtung in der Schustergasse, Weihnachtsbäume und festliche Stände, Düfte, nach gebrannten Mandeln, Maronen, Crêpes, frischgebackenen Waffeln, frittierten Langos, nach Kerzenwachs und Glühwein und kalter Winterluft, jeder einzelne eine kleine Versuchung. Wir lassen uns von der Menge an Menschen über den Markt führen, probieren dort und da etwas, stellen uns schließlich zu Glühwein, Erdbeerpunsch und Ofenkartoffel zusammen, während die Dämmerung gänzlich hinter Hausdächern verschwindet.

 

 

Sonntagabend. Ich sollte schlafen gehen, habe noch Englisch gelernt, fühle mich niedergedrückt, heruntergezogen, deprimiert von irgendetwas. Es fühlt sich komisch an, falsch irgendwie, ganz deutlich spüre ich immer noch dieses Weihnachtsgefühl, und es ist matt, überschattet von Stress und Furcht. Drei Wochen bis Weihnachten und vor mir sehe ich nichts, was entspannt ist oder besinnlich, ich sehe Prüfungen, durchgeplante Wochenenden, keine ruhigen Filmnachmittage oder bei Freunden verbrachte Adventssonntage, Frühstück mit der Familie bei Kerzenschein, wenn es draußen diesig ist und düster. Und ich will das alles so sehr. Fühle mich schlecht beim Gedanken an all das, was noch zu tun ist, weiß nicht, wie ich alles schaffen soll, Schule, Blog, Privates. Es zieht mich runter. Ich will die Vorweihnachtszeit doch genießen können, will Ruhe, zumindest ein bisschen, jetzt am Jahresende, keinen Stress. Lasse mich von Weihnachtsliedern in den Schlaf wiegen, fühle mich gehetzt, ruhelos, keine Sekunde, die mir allein gehört. Und doch.

 

 

Da sind diese Erinnerungen, an damals, an die letzten Jahre, an eine Zeit, die scheinbar noch perfekt war. Wundervolle Momente, Städtereisen und Weihnachtsmärkte und Verwandtschaftsbesuche und Zeit mir meiner Familie. Ich denke so gerne daran zurück. Es gibt mir dieses Gefühl, das ich so gerne wieder vernehmen will, das ich mir wünsche wie sonst nichts. Sorglosigkeit.

Dann spüre ich wieder ein Stück in mich hinein. Weihnachten, das ist ein Gefühl, das in einem selbst beginnt. Keine Phase, nicht nur der Dezember, vier Wochen am Ende des Jahres, nein: eine Emotion. Die ich, wenn ich sonst alles ausschließe, ganz tief fühle, die mich erfüllt, so sehr, dass ich aufschluchze, vor Freude, vor Vorfreude. Weihnachten. Das ist Liebe.

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