Vom Neinsagen

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Ich denke, wir leben in einer Jasager-Gesellschaft. Inmitten von Generalisierung und von Akzeptanz gegenüber Stereotypen und als Fakten angenommene Meinungen der Masse. Und auch die bloße Toleranz, die solchen Unwahrheiten entgegengebracht wird, ist in einer Weise Jasagen. Ja zu scheinbaren Richtlinien, die Zugehörigkeit bewirken, aus Angst, irgendwann ausgestoßen zu sein.

Die Welt, in der wir leben, kommuniziert eine feste Vorstellung davon, wie man als Mensch zu sein hat, Körperideale, Familienkonstellationen, Karriere, die emotionale Konstitution, einfach alles. Wer diesen Idealen den Rücken kehrt, ist eben anders als die anderen, unverständlicherweise: schlecht. Also laufen wir alle einem Bild von Perfektion nach, das uns Erfüllung bringen soll. Tut es das nicht, hat man nicht hart genug gearbeitet.

 

 

Aber nicht jede Frau sieht aus wie ein Topmodel, wenn sie zwei Kinder hat und daneben arbeitet, weil dann weder Platz für exzessiven Sport noch eine hundertprozentig ausgewogene Ernährung bleibt, ganz zu schweigen von dem Geld für einen Personal Trainer, und überhaupt gibt es auch andere Frauen, denen ihre Karriere wichtiger ist als Beziehungen oder eine Familie, die nicht einmal den Plan fassen, irgendwann zu heiraten. Es ist in dieser Gesellschaft so wichtig, erfolgreich zu sein, „es zu etwas gebracht zu haben“, und wie Erfolg aussehen soll, scheint für jeden anders definiert. Kinder sollen gut in der Schule sein, korrekt und höflich und gleichzeitig nicht zu ernst und gestresst, weil sie ja „noch jung sind“, Frauen eine gute Mutter und fleißig im Haushalt und stets auf die Förderung ihrer Kinder bedacht, Männer brauchen einen ansehlichen Beruf, der gutes Geld einbringt, aber zwischen all der Arbeit sollen sie ein bedachter Familienvater sein, immer zur Stelle und gut gelaunt.

Für sie alle, für uns alle, dieselbe Devise: Niemals gestresst, niemals überarbeitet, „work-life-balance“ und „mir geht es gut“, immer lächeln und freundlich sein und Smalltalk mit Bekannten führen, um sie glauben zu machen, man hätte ein perfektes Leben. Der Gedanke an Sinnlosigkeit, an Leere? Gibt es hier nicht. Arbeite hart, dann bekommst du, was du brauchst, um glücklich zu sein.

 

 

Und von allen Seiten wird man beworfen mit neuen Aufgaben. Mach dies, mach das, und könntest du noch …, irgendwer müsste übrigens mal …, … – so lange, bis man mit seinem eigenen Leben nicht mehr hinterherkommt. Aber wir erinnern uns: Stress gibt es hier nicht, es ist immer Luft nach oben, natürlich kann man dreimal die Woche Überstunden im Job machen und dabei die halbe Arbeit des Kollegen erledigen, sich um die Aushänge seines Vereins kümmern, die kaputte Tür im Keller reparieren und das Bewerbungsanschreiben eines Freundes korrekturlesen – oder in der Schule: Der sein, der die Gruppenarbeit vorantreibt, sich allein um die Präsentation kümmert, als Hausaufgaben Musterlösungen produziert, sich mit Bestnoten durch sämtliche Tests hangelt und dann noch bei diesem und jenem Wettbewerb teilnimmt. Klingt viel? Ist es auch. Und gleichzeitig immer die Antwort auf die Frage: „Willst du?“

 

 

Ich selbst bin so ein Mensch. Wenn jemand mit einem Angebot auf mich zukommt, eine Möglichkeit für mich in den Raum stellt, dann sehe ich darin nur eine Erwartung, habe sofort das Gefühl, wieder jemanden zu enttäuschen, würde ich ablehnen. Ja, sage ich also. Auch, wenn ich mir des Mehraufwands bewusst bin. Das resultiert eigentlich immer in Stress, mehr Stress zumindest, als nötig gewesen wäre.

Ich werde in zwei Tagen fünfzehn. Und dafür wünsche ich mir: Ein Stück mehr mir-ist-es-egal, es-betrifft-mich-nicht, der Gedanke im Kopf „ich muss nicht“, der dann vielleicht stärker ist. Die Fähigkeit, nein zu sagen. Nein zum Streben nach Perfektion, nein zur Meinung anderer, nein zu Normen in dieser Gesellschaft, die mich schon so oft zu Boden gestoßen haben. Wieder aufstehen. Und darauf bestehen, dass ein Wort ganz sicher in meinen Wortschatz gehört: NEIN.

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