Was wir (nicht) voneinander wissen

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Der Abend ist lau, bald kühl, als ihr im Sand sitzt, wo das Wasser beginnt, und über alles und nichts redet. Ich komme dazu, will etwas sagen, ohne wirklich zu wissen, was es ist, das ich spüre – bis du mir die Worte aus dem Mund nimmst; du warst beim Psychologen, erzählst du, deine Mutter wollte, dass du hingehst, sagst du. In mir: Chaos. Warum habe ich nicht bemerkt, dass die Depression wie ein dunkler Schatten über dir hängt? Ich kenne dich doch, lange schon, und irgendetwas war auch anders, falsch, aber das ist es immer, wie hätte ich wissen können – die Tränen glitzern erst in meinen Augen und rinnen dann mein Gesicht hinab, ich renne, weil ich nicht weiß, was sonst; über den Steg ins Wasser hinein, bleibe am Ende stehen. Minuten vergehen, bevor ihr kommt und mich stumm in den Arm nehmt; aber ich kann nicht erklären, was mit mir los ist, und genau das ist es, was mich niederwirft: wie schlecht ich euch kenne.

 

 

Ich sitze allein an diesem Platz, den ich als meinen Rückzugsort auserkoren habe, lese, denke, Stille, die Hoffnung, dass mich niemand findet, der nach mir sucht. Irgendwann rufst du von unten, ob du zu mir hoch kannst – klar, antworte ich, rücke beiseite und schiebe dir die Tüte M&M’s zu, die neben mir lag. Wir reden. Wieder. Aber wir sind nur zu zweit, und irgendwie verstehen wir uns, ich sehe die weißen Linien auf deinem Unterarm, die einst rot waren, die du nun unbewusst mit der anderen Hand verdeckst, und du erzählst von Freunden und Enttäuschung und davon, dass du dir früher Nadeln in die Haut gebohrt hast, weil du wissen wolltest, wie tief es geht. Ich schaue in den Himmel mit Baumspitzen am rechten unteren Bildschirmrand, während ich meine eigene Seele offenlege und Gedanken teile, die eigentlich nur mir gehören. Minuten später: kollektives Schluchzen, über die Erkenntnis, dass es eine solche im Hinblick auf andere Menschen gar nicht geben kann.

  

  

Sommerferien. Sechs Wochen ohne Bindung an eine Institution, die den Takt vorgibt, sechs Wochen ungewohnte Leere – die ich von letztem Jahr kenne. Nur, dass ich mich diesmal nicht um mich selbst kümmern muss, dass ich mir Sorgen mache, die andere Personen betreffen, dass ich das Gefühl habe, überall sein zu müssen, damit um mich herum niemand in den Abgrund seines eigenen Verstandes fällt. Potentiell könntet ihr alle in der nächsten Sekunde irgendeine Dummheit anstellen: Alkohol, Essen, Nicht-Essen, traurig sein, nicht traurig sein – nicht fühlen … ich will nicht, dass es euch schlecht geht, wenn der Halt durch die Schule fehlt, in der ich mich jeden Tag vergewissern kann, dass alles in Ordnung ist. Ruhelosigkeit. Helfen müssen, aber nicht wissen, wie, da sein wollen, aber es nicht immer können, euch nicht verlieren dürfen. Die Fäden, mit denen ich euch an mich gebunden habe, nicht zerreißen lassen. Mich selbst nicht verlieren, weil der Anker dann fehlt.

  

  

Bis vor kurzem wusste ich so viel weniger über eure Probleme, über eure Dämonen, die sich in den Schatten verstecken.

Frage mich: wie können wir koexistieren, Schnittpunkte haben, die Illusion haben, uns zu kennen – wenn wir das eigentlich gar nicht tun? Wie können wir darüber hinwegsehen, dass für uns scheinbar bedeutungslose Äußerungen, schnell dahingesagte Kommentare, einen anderen Menschen noch tiefer fallen lassen können? Wir sehen nur Eisbergspitzen. Was sich darunter verbirgt, im tiefen Meer unseres Verstandes, ist unergründlich, unverständlich. Wir wissen nichts voneinander. Jeder tötet seine eigenen Drachen, wird von seinen eigenen Schatten gejagt, stürzt in persönliche Abgründe, hat so viel mehr Gedanken, als er jemals teilen könnte.
Außenstehende sind dann überrascht, hätten das „niemals gedacht“, hätten den anderen „für stark gehalten“. Nein. Wir wissen immer noch nichts. Über Ängste – Panikattacken – Depressionen – Selbstverletzung – Essstörungen – Suizidgedanken, all das, was dem Leben einen Unterton gibt, meist dunkel, vielleicht entsättigt, ein Schatten eben. Es ist schwer, zu verstehen, wie die Welt eines anderen aussieht, wenn man sie nicht selbst sehen kann.

Weil niemand Einblicke in seine Seele offenbart.

Wir leiden lieber alleine.

 

  

Und da bist du, mein eigener Anker, ein Licht, dem goldene Fäden entfliehen, die sich um meinen Körper, meine Hände, meine Seele winden, mich halten, mich festhalten, damit ich fliegen kann. Ich wusste nicht, dass ich nichts wusste. Jetzt weiß ich, wie wenig ich weiß. Wie wenig ich dich kenne, wie wenig von dem, was du geschrieben hast, ich gesehen habe. Wie wenig du mir anvertraut hast. Weil du unsicher warst? Oder weil ich das bin, die unsichere Partie, die nichts verstehen und nichts für sich behalten würde? Ich wusste nicht, dass es dir schlecht geht, bis du es mir erzählst hast, an jenem Abend, als wir im Sand saßen – jetzt weiß ich nicht mehr, wer du bist.

Du bist mir fremd geworden. Von einem auf den nächsten Augenblick.

Und ich falle – was könnte noch da sein, das mich hält?

 

 

(Die Fotos in diesem Beitrag sind von der Herausforderung, einem Schulprojekt, das meine Freunde und mich auf eine physisch und psychisch lehrreiche Reise mit dem Fahrrad geschickt hat.)

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