Existenzblockade

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Ich will schreiben, finde aber keine Worte, finde keinen Fluss, will Buchstaben aneinanderreihen, die mehr ergeben als keinen Sinn, die mehr erzählen, die überhaupt erzählen, irgendetwas aussagen. Ich will schreien, so laut, so lange, bis ich nicht mehr kann, schreien, bis es leise ist, die Stille aus mir herausschreien, damit ich wieder laut sein kann. In mir ist nichts, das sein könnte, aber trotzdem ist da etwas. Eine Blockade. Existenzblockade. Die mich lähmt, die mich schwer macht, die mich leise macht und mich am Fliegen hindert und die Wörter daran, über meine Lippen zu kommen oder aus meinen Fingern zu fließen, die Gedanken daran, zu Geschichten zu werden und aus einem Drehkarussell der Sinnlosigkeit zu fliehen.

Ich habe gesagt, ich wünsche mir Hoffnung, und habe mir gesagt, da ist Hoffnung, habe mir etwas versprochen und mich selbst angelogen und da ist nichts, doch nichts. Weil Hoffnung laut ist, laut wäre, aber da doch nur Stille ist und alles ist leise, was ich sehe, ist leise, aber meine Schritte hallen so laut wider vom Steinpflaster des Weges, auf dem ich gehe, der Weg, den ich gehe, ist nämlich gepflastert. Mit Sorgen und Wünschen und Unerfüllung und dann wieder Enttäuschung und dem Gefühl, da müsste doch etwas sein, was den Weg unter meinen Füßen formt und pflastert und ihn so hart macht.

Sie sagen: schreiben hilft, das ist wie reden: schreib dir einfach alles von der Seele, aber man kann sich nichts von der Seele schreiben, was nicht vorhanden ist, nichtexistent, also schreibe ich, schreibe trotzdem, schreibe Worte auf und nieder, die keinen Sinn ergeben, um festzuhalten, was nicht ist, was keinen Sinn ergibt.

Gedankenchaos also. Und ich falle. Will mich dann festhalten, suche, ständig, immer, nach etwas zum Festhalten, das mich hält, mich hält und nicht loslässt.

Existenzblockade. Und dann frage ich mich, warum.

Weil nichts passiert? Weil ich alles habe? Weil meine Existenz gesichert ist, so gesichert, so sicher, schon an sich, dass sie sich selbst blockiert? Alles. Das ist doch: wie nichts. Und wo nichts ist, wo das Nichts ist, da ist Leere.

Die ich füllen will.

Und als ich eines lauen Vorsommerabends aus dem Kino trete, die Augen verweint, die Stimme noch heiser, Tränenspuren auf den Wangen und das Herz und die Hände so zittrig –

was ist es denn, das uns am Leben hält? Unsere Freunde sterben sicherlich nicht mal eben so im Kampf. Wir sind sicher, vor dem Unwahrscheinlichen, dem Übernatürlichen, das, was die meisten als unrealistisch bezeichnen, Fiktion. Und trotzdem sehen wir uns gerne an, trotzdem fiebern wir so sehr mit, wenn eine fiktive Person vor unseren Augen, die aus unserer Perspektive als unbeteiligte Kinobesucher sehen, einen Heldentod stirbt, so dramatisch, so tragisch, weil wir diese Person geliebt haben, aber: wunderschön.

Uns fesselt die Fiktion. Die Möglichkeit, ein sicheres Leben, eine gesicherte Existenz, vor dem Stillstand zu bewahren, die Leere zu füllen, die sich doch niemand eingesteht. Wir wären das so gerne selbst. Und würden die Welt retten, obwohl wir unser Leben lassen müssten.

Höherer Sinn. Den es im Kino gibt. Aber – davon bin ich fest überzeugt – nicht hier. Nicht in diesem Leben.

 

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