Hallo, Herbst.

Etwas Besonderes, auf das ich dieses Jahr so lange gewartet habe, unwissend, wieso überhaupt – klar, Sommer ist schön, wirklich, Sonne, Hitze, manchmal lästige über-dreißig-Grad, Ferien, Urlaub, ein bisschen loslassen und etwas Freiheit. Aber gerade jetzt will ich den Herbst. Ich habe noch nie ein so starkes Verlangen nach Gemütlichkeit und Kuscheldecken und regnerischen Nachmittagen und früher Dunkelheit verspürt, und jetzt, wo wir die letzte Woche Temperaturanstieg verabschieden, ist es endlich so weit, dass ich zaghaft winke und in den Wind flüstere: Hallo, Herbst.

 

 

Ich trete aus der Haustür, mit der Kamera in der Hand, will nur kurz runter an dem Main und ein paar Momente einfangen, Anblicke, die so charakteristisch sind für die schönste aller Jahreszeiten. Draußen fährt mir Wind ins Haar und ein Duft in die Nase, ganz sanft und seicht und kaum wahrzunehmen, mehr ein Gefühl als eine Sinnesempfindung – und doch da, allgegenwärtig. Dieser vertraute Duft nach Frische und gefallenem Laub.

 

 

Ich sitze auf dem Fahrrad, auf dem Weg zum Reitverein, obwohl erst früher Nachmittag ist, fröstele ich unter der leichten Jacke, die ich übergeworfen habe. Unter mir rascheln die ersten gefallenen Blätter, so bunt, in Gelb und Braun, blassem Orange und sattem Rot. Ein sanfter Wind zieht auf, fährt mir kühl über die Hände, lässt einen subtilen Gruß da aus der Zeit, die bald kommt, wenn es im Stall mit Winterjacke kalt ist, wir den Pferden Abschwitzdecken überwerfen müssen, man den Atem in der Luft sieht.

 

 

Dienstagnachmittag, wir hatten lange Unterricht und als ich endlich von der Schule komme, fängt draußen das Tageslicht an, zu schwinden. Ich begrüße die heimelige Wärme in unserer Wohnung, stelle fest, dass wir nichts aufbekommen haben, stecke meinen Laptop vom Ladekabel ab und kuschele mich in meine nachtblaue Fleecedecke und handgestrickte Socken, einen frischen Chai Latte in der Hand, Netflix an, während die ersten Regentropfen an mein Fenster klopfen. Gemütlichkeit drinnen, draußen tobt ein Sturm.

 

 

Ich sitze in unserem Stamm-Biergarten, an einem Ecktisch, neben mir eine Tasse heiße Schokolade, an der ich ab und zu gedankenverloren nippe. Als die Dämmerung einsetzt, das Licht schwindet und es langsam kühl wird, kuschele ich mich tiefer in meine Jacke und fahre fort, in den vor mir stehenden Laptop zu tippen, einfach aufzuschreiben, was ich sehe, höre, rieche. Im lockeren Kies liegen zusammengerollte Blätter, längst zu viele, um sie zu zählen, das Laub der Bäume ringsum hat all sein Grün verloren und leuchtet in warmen Farben in den kornblumenblauen Himmel, über mir gehen Lichterketten an und werfen ihr sanftes Licht auf die Szenerie.

 

 

Wir stehen an unserem Lieblingsplatz in einem Café hoch über den Dächern meiner Stadt, vor uns auf dem Tisch Glühwein und Orangenpunsch. Der Boden ist kalt und unserem Hund wird es unangenehm, zu liegen, er springt auf und streicht rutenwedelnd um unsere Beine. Ich blicke hinunter ins Tal, zwischen all den Häusern sind die Bäume bunt, wirkungsvoll rahmen die Farben das blaugrüne Band, den Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt. Wir kommen immer hierher, wenn die Tage kürzer und die Luft kälter wird, davor unternehmen wir eine Spazierrunde durch den Wald, das Laub raschelnd bei jedem Schritt. Erster Frost, der die Spitzen der gefallenen Blätter ziert.

 

 

All das sind Szenen, die mal passiert sind – irgendwann, manche davon nur schemenhafte Erinnerungen. Gemeinsam haben sie eines: Ich verbinde sie fest mit dem Herbst und meiner geliebten Heimatstadt Würzburg.

Herbst, das ist nicht nur eine Zeit, nicht nur drei Monate, damit der Winter nicht abrupt auf den Sommer folgt – nein, Herbst, das ist ein Gefühl. Dieses Gefühl, das man zum Sommerende im Herzen trägt, oder während man aus dem Fenster den Regen beobachtet, wenn man die ersten bunten Blätter auf gepflasterte Wege fallen sieht. Dieses Gefühl, wenn man über Herbstfotos in diesen so charakteristischen Nuancen, aber sonst clean und entsättigt und mit diesem besonderen Schleier stolpert, sich dunkle Feeds auf Instagram anschaut, dieses Gefühl … das ist etwas ganz Besonderes. Etwas, das ich dieses Jahr ganz tief im Herzen spüre.

Hallo, Herbst.

2 Kommentare bei „Hallo, Herbst.“

  1. Wow, Alice, was für ein wunderschöner Text! Ich bin ganz angetan..

    1. Danke! Freut mich sehr, dass er dir gefällt ♥

Schreibe einen Kommentar