Wie wir waren

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Wann musste ich mir selbst gegenüber zugeben, dass das Leben nicht einfach ist, sondern kompliziert? Wann haben wir festgestellt, dass uns die Gebrauchsanleitung für dieses fragwürdige Konstrukt der Existenz fehlt, dass wir in der Hand nur noch ein leeres Blatt Papier halten, das früher einmal so wertvoll war?

  

  

Ich sitze auf einer Bank im Ringpark, ganz in der Nähe des Hauses, in dem meine Oma wohnt. Mir gegenüber: ein Baum, eine Nootka-Hängezypresse, wie das Schild darunter erklärt; einer von diesen wundervollen Kletterbäumen mit tief hängenden, stabilen Ästen. Früher bin ich immer draufgekraxelt, mit einem hochkonzentrierten, glücklichen Grinsen im Gesicht – und danach haben wir, wenn gerade Herbst war, Kastanien und bunte Blätter gesammelt. Die Sonne tanzte durch Geäst und Blätterdecken auf dem Schotterboden.

Jetzt ist der Baum nur noch ein Baum, an dem ich kaum mehr vorbeikomme. Er sieht kleiner aus als früher und irgendwie farblos.

  

  

Vor einigen Jahren war die Welt noch einfach. Nicht zu verstehen; in der Grundschule wussten wir schließlich, dass unsere Mathekenntnisse zu wünschen übrig ließen, und Physik war ein Fremdwort für uns, aber wir wussten auch, dass wir noch lernen würden. Sondern: zu bewohnen.

Es war, als hätten wir einen Platz in dieser Welt, als würde uns allein die Gewissheit, diesen noch zu finden, einen zugestehen. Wir machten uns keine Sorgen um morgen, sondern um heute. Wir waren glücklich.

Man sagte uns, wie das Leben funktioniert, dass Leute älter werden, Abitur machen, studieren und irgendwann arbeiten und dann noch älter werden und wieder aufhören, zu arbeiten, und alles dazwischen würde sich so ergeben. Dass es der Normalfall wäre, wenn Menschen glücklich und zufrieden mit ihrem Leben sind. Wir warteten auf die wahre Liebe, auf Liebe auf den ersten Blick, wir wollten Kinder haben oder auch nicht. Wir hatten Traumberufe. Wir glaubten an Magie und daran, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt als die, die wir sahen. Erwachsene waren ein Rätsel für uns. Wir verstanden nicht, warum Beziehungen und Steuererklärungen die Welt so kompliziert machen mussten, auch nicht, warum manch einer das Lachen verlernt hatte.

Wir waren glücklich.

   

  

Bis wir irgendwann selbst älter wurden, unsere Welt größer, unser Blickwinkel verändert, unser Fokus verschoben. Wir verlernten, dem Leben zu vertrauen. Existieren ist kompliziert geworden. Wir haben unsere Augen von diesem Blatt abgewandt, auf dem alle Erinnerungen geschrieben standen, damit sie unser Wegweiser für die Jahre danach sein sollten; aber wenn wir wieder daraufblicken, ist der Sinn weg. Die Worte nur noch leer. Ihre Bedeutung verschwunden im Nirgendwo.

Trotzdem wissen wir, dass dort nicht in einem Satz die Themen erwähnt worden waren, die sich nun vor uns aufgebaut haben; wir hatten nichts aufgeschrieben zu roten Linien, Gebrauchswertanalysen, Existenzblockaden und der Angst, nicht zu zählen. Wir hatten schließlich nie befürchtet, vergessen zu werden. Jetzt tun wir es. Jetzt, wo alle um uns herum erwarten, dass wir wissen, was wir wollen, Ziele haben und auf diese hinarbeiten, schleichen sich Schatten in unsere Welt und wabern durch unsere Sicht auf die wichtigen Dinge. Wir haben doch keine Ahnung, was wir wollen.

  

   

Ich laufe weiter hinein in den Park, der so lange Zeit ein Teil meines Universums war; fast sehe ich meine Freunde von früher, wir wir Verstecken spielten und auf sattgrünen Wiesen zwischen Blumenmeeren um die Wette rannten. Erinnere mich, wie wir waren.

Wie viele Jahre? Wie viele Jahre sind vergangen, in denen ich mich so verändert habe, wann habe ich heiße Schokolade gegen den Cappuccino in meiner Hand getauscht? Ich schüttele langsam den Kopf. Verstehe noch nicht.

„Ich bin in diese Welt verliebt“, singt Julia Engelmann währendessen in meinen Ohren, und dass wir sowas wie Magie wären. Aber wenn wir fallen, landen wir irgendwann auf dem Boden der Tatsachen; und da liegt vielleicht Staub – aber nicht von den Sternen, weil die zu weit oben sind.

Oder wir zu weit unten.

Vielleicht beides.

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